BIZZ-Exklusiv
08.05.2014

Tillich will einheitliche Netzentgelte durchsetzen

Jürgen Leibmann; Titelbild: Matthias Rietschel
Sachsens CDU-Ministerpräsident beklagt bei den Netzentgelten die hohe Belastung im Osten

Neue Studie zeigt: Bleibt es beim Prinzip der regionalen Wälzung, würden strukturschwache Regionen als Folge des Bevölkerungsschwunds besonders leiden.

Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich (Foto) geht in die Offensive: „Die Energiewende betrifft uns alle, daher sollten Netzengelte bundeseinheitlich – statt wie bisher regional – umgelegt werden“, sagt Tillich im Gespräch mit BIZZ energy today. Und er ergänzt: „Im Rahmen der weiteren Ausgestaltung der Energiewende werde ich mich für die Einführung bundeseinheitlicher Netzentgelte stark machen.“

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Gute Argumente und Zahlen für seinen Vorstoß hat Tillich bereits in der Schublade, in Form einer von ihm beauftragten Studie der Technischen Universität Dresden über die Entwicklung der Netzentgelte bis 2023. Die 70 Seiten umfassende Analyse unter Federführung des Energiewirtschafts-Professors Dominik Möst soll Mitte Mai veröffentlicht werden und lag BIZZ energy today vorab komplett vor. Laut Studie würden „neben den ostdeutschen Flächenländern auch die Küstenländer Schleswig-Holstein sowie Teile Bayerns von einem bundeseinheitlichen Entgelt profitieren“. Und: „Den zum Teil erheblichen jährlichen Entlastungen von bis zu 130 Euro pro Dreipersonenhaushalt stehen in den süd- und westdeutschen Flächenländern vergleichsweise geringe Mehrbelastungen von maximal 30 Euro gegenüber.“


Möst und seine Co-Autoren Fabian Hinz, Daniel Iglhaut und Tobias Frevel haben Kosten für die künftigen Nord-Süd-Stromautobahnen der Übertragungsnetzbetreiber ebenso berücksichtigt wie Investitionen für Neubau und Reparatur der mehr als 800 kommunalen und regionalen Verteilnetze. Auch demographische Effekte für einzelne Landkreise flossen in die Rechnung ein. Derzeit werden die Netzkosten regional auf alle dortigen Stomkunden umgelegt. Daraus folgt bei gleichen Gesamtkosten: Je weniger Verbraucher, desto höher die Gebühr für den Einzelnen. 

Daher existiert schon heute bei den Netzentgelten eine Kluft zwischen Städten und ländlichen Regionen, auch innerhalb eines Bundeslandes. Haushaltskunden zahlen pro Kilowattstunde zum Beispiel im nordbayerischen Aschaffenburg nur 4,1 Cent, im ebenfalls zu Bayern gehörenden Landkreis Lindau am Bodensee liegt die Gebühr 76 Prozent höher, bei 7,2 Cent. Noch mehr müssen Kunden in den neuen Bundesländern berappen: im Erzgebirge durchschnittlich 8,5 Cent, im Landkreis Rostock 9 Cent und im brandenburgischen Havelland sogar 9,5 Cent. 

Bleibt es künftig beim Prinzip der regionalen Wälzung von Netzinvestitionen, würden strukturschwache Regionen als Folge des Bevölkerungsschwunds besonders leiden – auch die Heimat der Bundeskanzlerin: In der Uckermark, wo Angela Merkel aufwuchs, zahlen Haushaltskunden heute bereits im Schnitt pro Kilowattstunde 8,3 Cent. Bis 2023 steigt das Entgelt laut Modellrechnung der Studie um 72 Prozent auf 14,3 Cent – das wäre ein trauriger Rekord.

Und so könnte die Kanzlerin auch aus Lokalpatriotismus auf Sachsens Landeschef hören. Tillichs Ziel einheitlicher Netzentgelte würde laut Studie 2023 konkret bedeuten: 7,7 Cent pro Kilowattstunde für Haushalts- und Gewerbekunden, sowie gestaffelte Entgelte von durchschnittlich 2,9 Cent für die Industrie.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Stanislaw Tillich | Netzentgelte | Energiepolitik | Stromnetze | Strompreis
Ressorts:
Governance | Community

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