Parkraum
07.06.2017

Städte zögern beim Carsharing

Bild: BMVI
So sieht das Verkehrsschild "Carsharing-Parkflächen" aus.

Nicht alle Städte und Kommunen sind begeistert von dem neuen Ermächtigungsgesetz, mit dem sie Parkflächen für geteilte Autos reservieren können.

Carsharing wird immer populärer: Rund 1,7 Millionen Menschen waren Anfang des Jahres bei den insgesamt 150 Anbietern registriert, 455.000 mehr als im Vorjahr. Falls viele Städte und Kommunen zum 1. September das neue Carsharing-Gesetz umsetzen, könnte der Trend noch deutlich an Fahrt aufnehmen.

Anzeige*

Doch um die kommunalen Regeln ist ein Verteilungskampf entbrannt, der die Branche spaltet. Das Gesetz ermächtigt die Kommunen, Parkflächen ausschließlich für Carsharing-Fahrzeuge auszuweisen und von Parkgebühren zu befreien. Zudem können Anbieter mit festen Stationen im Rahmen eines Auswahlverfahrens Stellplätze an ausgewählten Standorten in den öffentlichen Verkehrsraum verlegen. Ob die Städte davon Gebrauch machen, steht ihnen frei.

Gemischte Resonanz

Die Resonanz fällt bisher jedoch gemischt aus: Während die Stadt Köln das Gesetz begrüßt und zügig an der Umsetzung arbeitet, geben sich Berlin und München eher zögerlich. „Ob eine Parkgebührenermäßigung für Carsharing-Fahrzeuge, gegebenenfalls in Verbindung mit der Voraussetzung eines Elektroantriebs, für Berlin tatsächlich ein zu verfolgender Weg wäre, muss und wird noch geprüft werden“, sagt der Sprecher von Umwelt- und Verkehrssenatorin Regine Günther zu bizz energy.

Auf Bundesebene wird offenbar nicht ausgeschlossen, dass die Initiative auf kommunaler Ebene zunächst verpufft. Im Gespräch mit bizz energy meldete Ministerin Barbara Hendricks (SPD) Zweifel an, dass die Kommunen das Gesetz zügig umsetzen werden. Das Problem: Die Konkurrenz um Parkplätze in deutschen Innenstädten wird immer größer, während gerade bei den Free-floating-Anbietern wie Car2go und DriveNow umstritten ist, inwieweit ihre Angebote tatsächlich das Verkehrsaufkommen reduzieren. Free-floating-Fahrzeuge können nach der Nutzung überall im Straßenraum abgestellt werden.

Grundsätzlich sei das Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung, sagt ein Sprecher der Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk. „Es sollte allerdings kein zusätzlicher Verkehr  entstehen, sondern eine Alternative zum privaten Auto  geschaffen werden.“ Wie sich die Privilegierung von Parkraum intelligent lösen lässt, das wird in München, Berlin oder Hamburg mit Pilotprojekten wie „City2Share“ getestet. Dort stellen Kommunen in einzelnen Quartieren gemeinsam mit Carsharing-Anbietern Elektroautos, Fahr- und Lastenräder zur Verfügung und reduzieren gleichzeitig die Parkplätze. Die Bürger werden dabei miteinbezogen – wohl auch, um Proteste zu vermeiden, weil dabei eben auch Parkplätze verschwinden.  

Unterstützung in Köln

Besonders in Köln wird das neue Gesetz begrüßt. „Wir unterstützen und fördern Car-Sharing in Köln sehr und freuen uns über die neue Gesetzgebung“, sagt Angela Stolte-Neumann, Leiterin der Planungsabteilung im Amt für Straßen und Verkehrstechnik. „Es war wichtig, weil es Zweifel an der Rechtssicherheit der Sondernutzungs-Genehmigungen gab, mit denen wir bisher gearbeitet haben.“ So weist die Stadt bereits seit mehr als fünf Jahren Flächen im Straßenraum aus, die für stationsgebundene Anbieter reserviert sind. 

Die Höhe der Kosten, die die Carsharing-Anbieter dafür zahlen, ist abhängig von der Lage der Stellplätze. Elektrisch betriebene Flotten-Fahrzeuge dürfen kostenfrei parken. Diese Parkflächen will die Stadt nun ausbauen, insbesondere in der Nähe von Umsteigestationen zum öffentlichen Nahverkehr. Davon profitiert vor allem Cambio, der größte Carsharing-Anbieter in Köln. Untersuchungen zufolge substituiert ein Cambio-Stellplatz zwischen sechs und 20 Parkplätze für private Autos. „Wir hoffen, durch ein größeres Carsharing-Angebot Änderungen im Mobilitätsverhalten der Bürger zu erzielen hin zu einer Sharing Economy“, sagt sie.

Die Zahlen zu den substituierten Privatautos schwanken je nach Zählweise – je nachdem beispielsweise, ob man auch diejenigen mitrechnet, die bereits vor der Carsharing-Anmeldung ihr Auto abgeschafft haben. Klar ist jedoch, dass Free-floating-Fahrzeuge weniger private Pkw ersetzen als die von stationsgebundenen Anbietern. Kritiker monieren, dass Free-floating den Verkehr sogar erhöhe, weil viele Kunden die Fahrzeuge alternativ zum öffentlichen Nahverkehr nutzten. Sie vermuten zudem, dass die Autohersteller die Kunden auf den Geschmack eines eigenen Autos bringen wollten. Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, etwa hält nichts von Free-floating-Angeboten, bei denen „die Städte nach dem Zufallsprinzip mit Autos vollgestellt und einfach nur Eigentümerstrukturen verschoben werden“.

In Hinterhöfen versteckt

Die Kommunen können entscheiden, ob sie Parkplätze an Free-floating- oder stationsgebundene Anbieter vergeben. Letztere erhoffen sich eine größere Sichtbarkeit im Straßenraum und damit eine größere Popularität. Denn momentan sind ihre Fahrzeuge – im Gegensatz zu den in Großstädten omnipräsenten Free-floating-Autos – meist auf privat angemieteten Stellflächen in Hinterhöfen und Tiefgaragen versteckt. „Stellplätze im öffentlichen Raum werden Carsharing sichtbar in das alltägliche Umfeld der Menschen integrieren und für mehr Akzeptanz für diese Form der Mobilität werben“, sagt ein Cambio-Sprecher.

Auch der Bundesverband Carsharing plädiert dafür, die stationsgebundenen Anbieter bei der Vergabe von Parkplätzen zu bevorzugen. „Stationsbasiertes Carsharing hat gegenüber den Free-floating-Systemen eine wesentlich höhere verkehrsentlastende Wirkung“, sagt Geschäftsführer Willi Loose. „Das ist ein wichtiges Argument, gerade diese Variante intensiv zu fördern“. Überraschend ist diese Position allerdings nicht: Die Free-floating-Anbieter DriveNow und Car2Go sind nicht im Verband vertreten. Loose schränkt aber zumindest ein, dass es bisher „keinen einzigen Anhaltspunkt“ dafür gebe, „dass andere Systeme nicht oder gar schädlich wirken“.

Sorge bei DriveNow

Das BMW- und Sixt-Tochterunternehmen DriveNow fürchtet bereits, zu kurz zu kommen. „In unseren Augen ist es wichtig, dass Gesetzgeber und Kommunen nicht zu kurz greifen und stationäre Anbieter bevorzugen“, sagt eine Sprecherin auf Aufrage. „Free-floating-Unternehmen müssen genauso von den Sondernutzungsrechten und von reduzierten Parkgebühren profitieren können.“ Bei der Daimler-Tochter Car2Go erhofft man sich von dem neuen Gesetz niedrigere Gebühren: „Pay-per-use-Gebühren, die in einigen Gebieten in gleicher Höhe wie für private Pkw erhoben werden, sollten für Carsharing-Fahrzeuge reduziert oder gleich ganz abgeschafft werden, sagt ein Sprecher. Außerdem plädiert das Unternehmen dafür, Anwohnerparken auch für Carsharing zugänglich zu machen.  

Von Überlegungen, die Vergabe von Carsharing-Parkplätzen generell an elektrisch betriebene Fahrzeuge zu knüpfen, hält der Branchenverband übrigens nicht viel. „Das würde die Expansion in vielen Städten abwürgen“, sagt Sprecher Gunnar Nehrke. Schließlich sei der Kauf von Elektroautos für Carsharing-Anbieter nicht weniger risikoreich als für Privatbesitzer. Gerade kleine Anbieter stünden vor großen Risiken, weil Carsharing-Autos mit E-Antrieb oft nur auf ein Drittel der Buchungen kämen wie Verbrenner. Dabei sei das Carsharing eigentlich ideal, um Elektroautos unverbindlich auszutesten. Und für 90 Prozent der gebuchten Fahrten sei die Reichweite der Fahrzeuge derzeit bereits ausreichend. „Auch die Carsharing-Kunden wollen allerdings an die Technik herangeführt werden“, sagt Nehrke.

 

 

Über Carsharing

Nach Angaben des Carsharing-Verbandes gibt es in Deutschland in 600 Städten und Gemeinden Carsharing. Bei 588 davon handelt es sich um stationsbasierte Angebote meist mittelständischer Anbieter. Deren Fahrzeuge parken momentan fast ausschließlich auf privaten Flächen, während die Flotten der Freefloating-Anbieter überall parken dürfen.

Bei stationsbasierten Angeboten waren zu Beginn des jahres 455.000 Teilnehmer angemeldet (25.000 mehr als 2016), bei stationsunabhängigen („Free-Floating“) Angeboten 1.260.000 Nutzer, ein Plus von 430.000 gegenüber dem Vorjahr.

Jutta Maier
Keywords:
Carsharing | Parkraum | Gesetz | Kommunen | Städte
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy September-Ausgabe 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports.


Weitere Informationen finden Sie auf der Website von bizz energy Research