Klimaschutz
16.04.2018

Schiffbauverband: UN-Klimaregelung für Seefahrt reicht nicht

Foto: iStock
Weltweit ist die Schifffahrt für den Ausstoß von etwa einer Milliarde. Tonnen Kohlendioxid verantwortlich.

Die UN-Seefahrtorganisation IMO hat sich darauf geeinigt, die CO2-Emissionen bis 2050 zu halbieren. Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik fordert mehr als Visionen.

Lange hatte es gedauert: Beim Treffen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) in London haben über 170 Staaten beschlossen, die CO2-Emissionen des Seeverkehrs bis 2050 um mindestens die Hälfte gegenüber 2008 zu reduzieren. Ein Kompromiss, der von vielen begrüßt wird. Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), die Interessenvertretung der deutschen maritimen Industrie, vermisst jedoch konkrete Maßnahmen in den Beschlüssen.

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„Bislang ist die Strategie der IMO noch ein Leercontainer: sieht von außen stabil aus, steckt aber noch nicht viel drin“, sagt Ralf Sören Marquardt, Technischer Geschäftsführer des VSM, im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. Marquardt, der beim IMO-Treffen in London dabei war, ist aber grundsätzlich froh, dass die UN-Organisation für die Schifffahrt sich endlich durchringen konnte.

EU-Vorstellungen gingen weiter

Seit 21 Jahre weigert sich die IMO, den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen, obwohl sie beim UN-Klimagipfel 1997 in Kyoto den Auftrag dazu bekommen hat. Am vergangenen Freitag schwenkte sie um. Ihr Kompromiss nimmt Bezug auf die Temperaturziele des Klimaabkommens von Paris, die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. Spätestens bis zum Ende des Jahrhunderts sollen daher alle Schiffe klimaneutral sein und gar kein CO2 mehr ausstoßen.

Die EU begrüßte diesen Vorschlag – hatte aber ursprünglich weitergehende Vorstellungen: Sie forderte eine verbindliche IMO-Zielvereinbarung von 70 bis 100 Prozent weniger CO2 bis Mitte des Jahrhunderts. Nur dies ist aus Sicht der EU im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzabkommen. Ein Alleingang, wie von der EU angedroht, hätte die Lage jedoch nicht verbessert, sagt VSM-Geschäftsführer Marquardt. Die EU hatte mit strikte Umweltauflagen für Seeschiffe in den eigenen Hoheitsgewässern gedroht, sollte es zu keiner Einigung kommen. Angesichts der internationalen Ausrichtung der Seeschifffahrt sei dies keine Option.

Der Experte vermisst im IMO-Papier jedoch Maßnahmen, die auch existierende Schiffe betreffen. Bislang seien nur neue Schiffe im Fokus. „Das wird nicht ausreichen“, meint Marquardt. CO2-Einsparpotenziale im Schiffsbetrieb, die beispielsweise Optimierungen von Routen und Fahrpläne betreffen, würden nicht gehoben. Wenn sich der Schiffsverkehr wie prognostiziert ausweite, würden die Reduktionsziele ohnehin nicht erreicht.

LNG kann kurzfristig helfen

Der Seeverkehr ist nach Angaben der IMO für 2,2 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich. Andere Quellen sprechen von etwa 2,6 Prozent. Rund 90 Prozent aller Waren weltweit werden auf dem Seeweg transportiert, Tendenz steigend. Problematisch ist, dass der Großteil der Schiffe mit Schweröltreibstoff betankt wird. Dabei gibt es umweltfreundlichere Alternativen: Insbesondere flüssiges Erdgas (LNG) gilt als geeignet.

Dies bestätigt auch VSM-Geschäftsführer Marquardt: Zumindest in Hinblick auf eine kurzfristige Reduktion sei LNG das Mittel der Wahl. Langfristig brauche der Schiffsverkehr die Brennstoffzelle, die momentan jedoch für den Hauptantrieb noch nicht verfügbar sei. Solche Entwicklungen müssten jetzt zügig kommen.

Auch Alfred Hartmann, Präsident des Verbands Deutscher Reeder (VDR), möchte Schiffe möglichst schnell klimaneutral betreiben. Die Schifffahrt und die Staatengemeinschaft stünden vor der Herausforderung, die CO2-Emissionen zu senken ohne zugleich den notwendigen Seehandel einzuschränken. „Wir brauchen eine Innovationsoffensive in Forschung und Entwicklung, vor allem bei alternativen Brennstoffen und Antriebssystemen“, sagte Hartmann.

Insgesamt reagiert die maritime Industrie überwiegend positiv und erleichtert auf den IMO-Kompromiss, der lange von einzelnen Staaten wie USA, Saudi-Arabien und Brasilien blockiert worden war. Jetzt komme es jedoch darauf an, nicht nur Visionen zu haben, sondern auch konkrete Maßnahmen zu ergreifen, sagt Marquardt. Die deutschen und europäischen Werften könnten von der Einführung neuer Technologien im Schiffsverkehr nach seiner Ansicht profitieren.

Lesen Sie auch: Norwegen fordert Halbierung der CO2-Emissionen im Schiffsverkehr

Carsten Kloth
Keywords:
Mobilität | Erdgas | Klimapolitik
Ressorts:
Governance | Markets

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