Russland
22.12.2016

Putins Pol-Position

Foto: Alexey Nikolsky (Artikel), Konrad Wothe (Front)
Putin hat die auftauende Arktis als Rohstoffförderungsgebiet im Blick.

Unerschlossene Bodenschätze und neue Seewege: Der schmelzende Eispanzer macht das Nordpolarmeer zum Wirtschaftsraum. Russland ist der erste Staat, der die Rohstoffe jetzt in industriellem Maßstab fördern will – und der einzige.

Leuchtend grünes Nordlicht über dem Polarmeer. Der Schiffsbug folgt einem Scheinwerferlichtkegel und bricht den Weg durch eine glitzernde Eisdecke. Der Schiffskapitän, der am Nordpol das olympische Feuer entzündet, trägt den Schriftzug „Sotschi, 2014“ auf dem Polaranzug. Die Reise des russischen Atomeisbrechers durch das Packeis des Nordpolarmeers – präsentiert als Diashow für die Touristen – wirkt wie ein farbenfroher Trip in eine Phantasiewelt aus Eis. Der olympische Fackellauf im Vorfeld der Winterspiele in Russland war eine medienwirksame Werbekampagne. Nicht nur für das Sportereignis, sondern auch für die Eroberung des jungfräulichen Wirtschaftsraums Arktis durch russische Technik. 

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Der Großbildmonitor, der die Polarmeer-Impressionen in Endlosschleife zeigt, steht an einem symbolträchtigen Ort: Auf dem Museumsschiff „Lenin“, das in der russischen Polarstadt Murmansk vor Anker liegt. Die „Lenin“ kennt in Russland jedes Schulkind. Die heutige Touristenattraktion war zur Sowjet-zeit der erste Atomeisbrecher der Welt: Im Dezember 1957 lief er vom Stapel, machte 30 Jahre lang die Polarmeere für die Kriegs- und Handelsmarine befahrbar. Ein Kernkraftwerk in Gestalt eines Schiffes. 

Einen Kapitän hat die „Lenin“ bis heute: Es ist Valentin Davedian – derselbe, der zur Eröffnung der Winterspiele in Sotschi die olympische Fackel zum Nordpol gebracht hat. Jetzt sitzt der Seeveteran hinter dem historischen Tropenholz-Schreibtisch in seiner Kapitänskajüte. „Das Wetter war nicht allzu günstig, wir mussten drei Mal unseren Kurs wechseln und sind im Zickzack gefahren“, erinnert er sich an seine olympische Winterreise durch die Polarnacht. „Dennoch haben wir die Strecke in nur elf Tagen geschafft – schneller als wir im Sommer Touristen dorthin bringen. Wenn man die Jahreszeit berücksichtigt, dann haben wir mit unserem Team damals den ersten olympischen Rekord aufgestellt – dort oben, auf dem Dach des Planeten.“ 

Das Fördern von Rohstoffen, das Erschließen neuer Seewege, das Erforschen der Polarmeere, der Tourismus am Nordpol – keiner von Russlands großen Arktisplänen wäre umsetzbar ohne Atomeisbrecher, sagt Davedian. Gerade werde in den russischen Schiffswerften eine neue Eisbrecher-Generation gebaut: noch stärker, schneller, effektiver und sicherer als die alte. Anfang 2017 soll das erste Exemplar vom Stapel laufen. „Die Härten der Arktis können nur wir Russen aushalten“, sagt der Kapitän. „Darum hat niemand sonst auf der Welt solche Eisbrecher wie wir. Niemand hat in diesem Bereich so viel Erfahrung.“

 

El Dorado des 21. Jahrhunderts?

„Die Arktis ist das Mekka der Russen“, dieses Zitat stammt von Russlands stellvertretendem Ministerpräsidenten Dmitri Rogosin. Auch Präsident Wladimir Putin schwärmt oft und gern von den „weltbewegenden Rohstoffvorkommen“. In den kremltreuen Medien wird die menschenleere Kältekammer als Russlands neuer Wirtschaftsraum gehandelt, der dem Land trotz schwindender Onshore-Reserven den Status einer Energiegroßmacht auf Jahrzehnte sichert. Im August 2015 bekräftigte Moskau vor den Vereinten Nationen unter Berufung auf das UN-Seerechtsübereinkommen seinen Besitzanspruch auf weite Teile des Nordpolarmeers, über die Rechtmäßigkeit des Antrags entscheidet zurzeit eine internationale Kommission (siehe S.26). Russlands neue Marine-Doktrin erklärt die Arktis zum wichtigsten Zielgebiet für Förderpolitik und Investitionen neben Krim und Atlantik. Auch die Militärdoktrin bezeichnet die Arktis als russische Einflusssphäre. Jetzt werden im Hohen Norden die Militärbasen aus der Sowjet-Zeit wiederbelebt, Flugplätze und Marinestützpunkte gebaut, Flugabwehrraketen und Radaranlagen stationiert.

Doch ist die Arktis tatsächlich das El Dorado des 21. Jahrhunderts? Zwei viel zitierte Studien des United States Geological Survey aus den Jahren 2000 und 2008 haben dieses Image geprägt. Die US-Forscher hatten aus geologischen Studien den Schluss gezogen, dass auf dem Gebiet des nördlichen Polarkreises riesige Vorkommen an fossilen Brennstoffen lagern müssten. Nicht nur russische Konzerne wie Gazprom und Rosneft haben Millionensummen in die Erkundung des arktischen Meeresbodens investiert; auch internationale Energieriesen wie Exxon, Shell, BP oder Statoil haben sich längst ihre Bohrlizenzen gesichert. Die Arktis, die bis vor kurzem höchstens für die Rentiernomaden und ein paar wetterfeste Forscher interessant war, ist ins Visier der Weltpolitik geraten. Schon sehen einige internationale Beobachter hier den nächsten Krisenherd, der das angespannte Verhältnis zwischen Russland und der NATO weiter eskalieren lässt. 

Christian Reichert aber, Experte für marine Rohstoffe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, winkt ab. Nennenswerte Verteilungskämpfe erwartet er nicht – selbst dann, wenn Teile des Nordpolarmeers künftig tatsächlich in den Besitz der Russischen Föderation oder eines anderen Anrainerstaats fallen sollten: „Ich sehe den Streitgrund nicht.“ Denn in dem wirtschaftlich relevanten Teil der Arktis sind die Besitzverhältnisse eindeutig. Und in den arktischen Meeresgebieten mit ungeklärtem Rechtsstatus vermutet der Rohstoff-Experte keine nennenswerten Bodenschätze – keine jedenfalls, die sich in naher Zukunft auf rentable Weise erschließen ließen. „Alle reden von den Rohstoffen am Nordpol, dabei hat dort bisher noch niemand Rohstoffe gefunden“, sagt Reichert. Und die Wahrscheinlichkeit sei auch eher klein. Zumal: „Dort eine Wirtschaftlichkeit nachzuweisen, dürfte sehr, sehr schwer und sehr, sehr teuer werden.“ 

Tatsächlich war der Arktis-Hype für die meisten Mineralölkonzerne lediglich von kurzer Dauer – und das liegt keinesfalls nur an den immensen Umweltrisiken der Förderung im tosenden Eismeer. Die Wirtschaftlichkeit von Offshore-Rohstoffen war schon immer fraglich. Sinkende Rohstoffpreise konterkarierten aufkommenden Enthusiasmus endgültig. Erst drückte die Schiefergasrevolution in den USA den Gaspreis, zwischenzeitlich fiel auch der Rohölpreis ins Bodenlose. Mit der Aussicht auf Minirenditen bei höchstem Risiko legten die meisten Player der Rohstoffbranche ihre Arktis-Projekte daher auf Eis – zunächst zumindest. Diese Konzerne dürften ihre Arktis-Strategie sicher neu diskutieren, sollte sich die OPEC Ende November tatsächlich auf Förderlimits einigen und den Ölpreisen neuen Auftrieb geben. Russlands Energieunternehmen halten indes unbeirrt an ihren Förderplänen fest, gestärkt durch staatliche Hilfe. Trotz Wirtschaftskrise, Rubel-Verfall und EU-Sanktionen auf Arktis-taugliche Technologie scheint Putin entschlossen, seine arktische Subventionspolitik fortzuführen. 

 

Murmansk, Tor zur Arktis

Rohstoffförderung zwischen Eisbergen, Nutzung der Nordostpassage für den nationalen und internationalen Warenverkehr, Landesverteidigung im ewigen Eis: Sehen so die Zukunftsaussichten für den russischen Teil des Nordpolarmeers aus? Wer Präsident Putins öffentlichen Ankündigungen auf den Grund gehen will, der muss nach Murmansk fahren. Die 300.000-Einwohnerstadt – gelegen auf der Kola-Halbinsel in Westrussland, in direkter Nachbarschaft zu Norwegen – gilt weltweit als die größte Ansiedlung nördlich des Polarkreises. Doch hier wird das harsche arktische Klima vom Golfstrom gemildert und das macht die Kola-Halbinsel zu einem Marine-Standort von immenser strategischer Bedeutung. Bis heute ist der Nordteil der Halbinsel als Stützpunkt der russischen Nordmeer-Flotte militärisches Sperrgebiet. 

In der zivilen Stadt Murmansk dagegen geht es eher um Wirtschaftsinteressen. „Murmansk, Tor zur Arktis”, diesen Slogan hat die Regionalregierung geprägt. Wenn es nach ihrer Langzeitstrategie geht, dann wird der ganzjährig eisfreie Murmansker Hafen schon bald der zentrale Umschlagplatz für die Bodenschätze sein, die in den russischen Polarmeeren gefördert werden. 

Bislang aber blieb der ersehnte Investitionsschub aus. Einziger Blickfang auf dem Hafengelände ist das Museumsschiff Lenin, dessen imposanter Rumpf für den Einsatz von Kernkraft in der Arktis wirbt. Alles andere macht einen trostlosen Eindruck. Die Gewerbehallen sind schwarz vor Ruß, in der Luft hängt ein beißender Geruch von Diesel und verbranntem Gummi. Die Industriegebäude sehen baufällig aus, vielen Fenstern fehlen die Scheiben. Nur das historische Hafenhauptgebäude wird saniert. 

In der Murmansker Innenstadt aber hat ein Unternehmen seinen Sitz, das in der Rohstoffbranche breite Bekanntheit besitzt. Der Name „Geophysik des Nordmeeröls“ steht kyrillisch auf der meerblauen Gebäudefassade, weit sichtbar über dem Großstadtverkehr der Karl-Marx-Allee. Der Staatskonzern, so steht es im Firmenprospekt, ist Russlands wichtigstes geophysisches Mineralölunternehmen. Es zählt nicht nur Gazprom, Rosneft und Lukoil, sondern auch internationale Energieriesen wie Exxon Mobil, Total und BP zu seinen Kunden. 

Generaldirektor Konstantin Dolgunov begrüßt seine Gäste mit ausladener Willkommensgeste und mit kräftigem Händedruck. An diesem Nachmittag aber zieht es ihn schnell an seinen Computermonitor zurück. Dieser zeigt Satellitenbilder aus der Kara-See: Ein Schiff des Unternehmens droht vom Meereis eingeschlossen zu werden. „Vor fünf Tagen gab es an dieser Stelle nichts als Wasser. Und jetzt können Sie zuschauen, wie rasend schnell sich die geschlossene Eisdecke dem Schiff nähert“, sagt Dolgunov. 

 

Unberechenbare Natur

Plötzliche Wetterumschwünge, wechselnde Windrichtungen, Treibeis, Nebelwände: In der Arktis kann es schnell geschehen, dass ein unvorhergesehenes Ereignis eine wohlgeplante Expedition unwirtschaftlich macht. Für die Schifffahrt ist das tosende Polarmeer bis heute eine schwer berechenbare Naturgewalt geblieben, daran haben auch die schmelzenden Polkappen nicht viel geändert. „Für das Schiff selbst ist die Situation zwar ungefährlich. Aber die Schallkanonen, die es hinter sich herzieht, könnten abreißen – und die haben einen Wert von fünf Millionen Dollar“, sagt Dolgunov. „Seismic Blasting“ heißt die geophysische Methode, mit der die sechs Spezialschiffe des Unternehmens im Nordpolarmeer nach Bodenschätzen suchen. Schallkanonen, die von einem fahrenden Schiff gezogen werden, feuern mit großer Lautstärke Schüsse in die Unterwasserwelt – alle 15 Sekunden, rund um die Uhr. Mit ihrer Energie durchdringen die Schallwellen nicht nur das Meer, sondern auch den Grund.

Die aufgezeichneten akustischen Daten lassen Rückschlüsse über die Geologie der oberen Erdkruste zu. Auf dieser Basis können Mineralölunternehmen die Entscheidung fällen, wo sich die Invesititon in eine Probebohrung lohnt. „In den vergangenen Jahren haben unsere zwei führenden Energieunternehmen mehrere Förderlizenzen erhalten, Rosneft und Gazprom. Allerdings ist die Förderung von Öl und Gas aus dem Nordpolarmeer zurzeit nicht rentabel”, berichtet Generaldirektor Dolgunov. Auf seinem Schreibtisch hat er eine metergroße Seekarte ausgebreitet. „Unsere Arbeit dient der Zukunft unseres Staates. Sie wird Russland auch in den kommenden 40 oder 50 Jahren noch nützlich sein.“

Tatsächlich hat die Erkundung des Nordpolarmeeres Russland bislang deutlich mehr gekostet als gebracht. Bereits zur Sowjetzeit wurden im westlichen Teil der Arktis zehn bedeutende Offshore-Lagerstätten von Öl, Gas und Gaskondensat entdeckt, berichtet Dolgunov. „Heute wissen wir von 20 Lagerstätten. Ausgebeutet wird aber bislang nur eine einzige: das Ölfeld Prirazlomnaya. Die Plattform steht in einer geringen Wassertiefe von nur 34 Metern auf einem Betonfundament. Technisch gesehen ist der Förderprozess also unkompliziert, trotzdem hat die Planung Jahrzehnte gedauert.” Die Erschließung der übrigen Felder wurde entweder erst gar nicht begonnen, oder sie endete mit einem Reinfall. 

 

Prominenteste Pleite

Die prominenteste Pleite beim Geschäft mit der Arktis erlitt Russlands staatlicher Rohstoffkonzern Gazprom mit dem Projekt Shtokman, das zu den größten bekannten Naturgas-Feldern der Erde zählt. Im Jahr 2008 gründete Gazprom zusammen mit weiteren internationalen Energiekonzernen die Shtokman Development AG. Das Konsortium plante am Nordufer der Kola-Halbinsel ein weitläufiges Industriegebiet für Verarbeitung und Weitertransport des Shtokman-Gases inklusive eines LNG-Terminals. Doch die Schiefergasrevolution in den USA machte das Großprojekt unwirtschaftlich. Obwohl die Bauarbeiten bereits begonnen hatten, zogen die Investoren ihr Geld zurück. 

Heute sind die Aussichten für eine rentable Inbetriebnahme großer Förderprojekte schlechter denn je. Auch Dolgunov sieht die großräumige Erschließung der Arktis als Zukunftsvision: „Prirazlomnaja ist ein recht solides Projekt, sein Öl wird Russland für die kommenden 20 Jahre Ertrag bringen. Was aber die Ausbeutung der übrigen Lagerstätten angeht, nun ja, das wird wohl für unsere Nachkommen bleiben.“

Andrea Rehmsmeier
Keywords:
Russland | Putin | Nordpol | Arktis | Erdöl | Erdölförderung | Klimawandel | Rohstoffe | Polarmeer
Ressorts:
Governance

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