Gaskraftwerke
18.08.2016

Kurze Gaswende

Foto: Wikimedia / Dede2
Block 5 des Kraftwerks Irsching ist erst seit 2010 in Betrieb.

Nach einer langen Durststrecke haben CO2-arme Gaskraftwerke im ersten Halbjahr erstmals wieder Strom aus dreckigen Kohlemeilern zurückgedrängt. An eine nachhaltige Entwicklung glauben Experten aber nicht.

Wenn die deutschen Energieriesen in den letzten Jahren Sorgenkinder hatten, dann waren es Gaskraftwerke. Immer mehr Solarmodule und Windräder schoben sie ins Abseits. Für den restlichen Bedarf an Elektrizität machten günstige Weltmarktpreise für Steinkohle die Verstromung in Kohlemeilern ungleich attraktiver als das Anschmeißen der ohnehin teuren Gasblöcke. Zuletzt konnte der Energieträger allerdings wieder auftrumpfen.

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Im ersten Halbjahr haben Gaskraftwerke rund 18 Prozent mehr Elektrizität erzeugt als im Vorjahreszeitraum. Der Anteil am Mix aller Erzeugungstechnologien stieg von 9,4 Prozent im gesamten Jahr 2015 auf 11,5 Prozent in der ersten Hälfte dieses Jahres. Das zeigt ein Blick auf eine neue interne Statistik des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), die bizz energy vorliegt. Für den Energiemarkt ist das eine große Überraschung, denn der Anteil von Gas am Strommix war seit 2011 kontinuierlich zurückgegangen.

 

Börsenpreise brechen ein

Verlierer war im ersten Halbjahr die lange Zeit unschlagbare Kohle. Die Stromproduktion von Steinkohlekraftwerken ging um drei Prozent zurück. Sogar die besonders günstige Braunkohle verzeichnete ein leichtes Minus von zwei Prozent.

Die neue Gas-Stärke erklärt sich aus den niedrigen Börsenpreisen. In den deutschen Marktgebieten NCG und Gaspool kostete die Megawattstunde Erdgas vergangenes Jahr am Terminmarkt noch 25 Euro. Lieferungen für das Kalenderjahr 2016 gaben bereits auf 22 Euro nach, für die nächsten drei Jahre liegen die Preise sogar nur noch bei 16 Euro. Noch drastischer zeigt sich der Preisverfall am kurzfristigen Spotmarkt. Dort müssen Kraftwerksbetreiber und Gasversorger für die Megawattstunde derzeit weniger als 12 Euro zahlen.

Für die Besitzer der Meiler hat sich die Situation verbessert, denn gleichzeitig hätten gestiegene Kohlepreise die Strompreise auf einem niedrigen Level zumindest konstant gehalten, erklärt Tobias Federico, Geschäftsführer des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool. Für kontinuierliche Grundlast-Lieferungen können Gaskraftwerke derzeit an einigen Tagen zumindest wieder ihre Brennstoffkosten erwirtschaften. In Peak-Zeiten, also bei hoher Nachfrage an Werktagen, erwirtschaften die Betreiber derzeit sogar ein leichtes Plus von sechs Euro pro Megawattstunde Strom. „Das ist schon einmal besser als ein Minus von 15 bis 20 Euro, das vor einigen Jahren die Regel war“, sagt Federico.

 

„Unter dem Strich steht weiter eine rote Zahl“

Von einer Trendwende will der Analyst aber noch nicht sprechen. „Die Betreiber können etwas Luft schnappen, aber es schreit noch keiner Hurra. Gaskraftwerke erwirtschaften immer noch nicht ihre Vollkosten. Unter dem Strich steht weiterhin eine rote Zahl“, sagt Federico und nennt ein plastisches Beispiel: Der moderne Block 5 des bayerischen Gaskraftwerks Irsching sei im vergangenen Jahr nur an 50 Stunden gelaufen. Dieses Jahr könnten es nach Federicos Einschätzung 2.000 Stunden werden. Ausgelegt seien große Gas- und Dampfkraftwerke allerdings auf 5.000 bis 6.000 Betriebsstunden pro Jahr.

Irsching war zum Sinnbild der Krise geworden, weil es eins der modernsten Gaskraftwerke der Welt ist und die neue Eon-Gesellschaft Uniper mit Irsching ausgerechnet ihr Flagschiff stilllegen will. Im Februar reichte der Konzern sogar Klage gegen den Netzbetreiber Tennet ein, weil der die Versorgungssicherheit in Süddeutschland gefährdet sah und die Stilllegung untersagte.

Mittelfristig rechnet Energy Brainpool wieder mit einem Gaspreis von 20 Euro pro Megawattstunde – auch getrieben durch den anstehenden Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus den USA und anderen Regionen. Die 20 Euro entsprechen den Kosten für Import und Regasifizierung des verflüssigten Gases.

 

Sondereffekt durch den milden Winter

Die günstigen Gaspreise Anfang dieses Jahres sind laut Federico Folge des milden Winters: „Es gab eine Überproduktion bei gleichzeitig vollen Speichern.“ Russland habe den Abwärtsdruck noch verstärkt. Viele langfristige Lieferverträge beinhalten immer noch sogenannte Take-or-pay-Klauseln. Selbst wenn ein Energiekonzern in Deutschland feststellt, dass er weniger Gas benötigt als er langfristig eingekauft hat, muss er das bestellte Volumen trotzdem bezahlen. „Die Importeure ziehen dann die Mengen und verkaufen sie am Spotmarkt“, erklärt Federico. Deshalb sanken die Preise dort besonders stark.

Der Berater rechnet nicht damit, dass die Betreiber zur Stilllegung angemeldete Gaskraftwerke wieder reaktivieren: „Wir hatten eine einmalige Situation, auf Dauer werden die Gaspreise nicht so niedrig bleiben.“ Auch die neue Eon-Gesellschaft Uniper wiegelt ab und verweist auf die Unsicherheit bei den Gewinnspannen. „Die Spreads müssten sich über längere Zeit positiv entwickeln, bevor man von einer nachhaltigen Entwicklung sprechen kann“, sagte ein Konzernsprecher auf Anfrage.

Manuel Berkel
Keywords:
Uniper | Irsching | Gaskraftwerk | Erdgas | BDEW | Energy Brainpool | Steinkohle
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