Shared Mobility
05.10.2017

Ridesharing-Dienst Clever Shuttle greift Taxi-Branche an

Foto: Clevershuttle
Wasserstoff-Fahrzeuge des Start-ups Clever Shuttle am Standort Hamburg

Sammeltaxi-Anbieter wie Clever Shuttle bauen ihre Flotte aus. Die Gesetzeslage bremst Start-ups allerdings noch aus. Das Taxigewerbe will unterdessen einen eigenen Service starten.

Zehn Toyota Mirai lässt Clever Shuttle seit September durch Hamburg fahren. Aus dem Auspuff der Brennstoffzellen-Autos kommt nur Wasserdampf. „Die Nachfrage in Hamburg ist überraschend gut“, sagt Clever Shuttle-Mitbegründer und CEO Bruno Ginnuth im Gespräch mit bizz energy. Deshalb würden kurzfristig fünf weitere Fahrzeuge geliefert. Bis Ende des Jahres sollen es insgesamt 20 sein.

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Die Mirai werden vom Infrastrukturpartner H2Mobility mit Wasserstoff versorgt – einem Zusammenschluss von Unternehmen wie Daimler, Linde, Shell und Total, die am Aufbau einer H2-Tankinfrastruktur arbeiten. Clever Shuttle bietet in Berlin, Leipzig, München und Hamburg Ridesharing-Fahrten an, die per App buchbar sind. Die Kunden werden gemeinsam mit anderen Fahrgästen von professionellen Fahrern befördert, ein Algorithmus erkennt ähnliche Routen und bündelt sie zu einer Fahrt. Diese kostet laut Clevershuttle pro Person im Schnitt 9 Euro und ist damit etwa 40 Prozent günstiger als ein Taxi-Tarif.

„Rückkehrpflicht ist kontraproduktiv"

Allerdings müssen die Fahrzeuge nach jeder Fahrt zunächst zum Betriebssitz zurückkehren; so will es das deutsche Personenbeförderungsgesetz. Der Shuttle-Betrieb ist zudem nur per Sondergenehmigung möglich, zuletzt erteilten die Behörden in Berlin die Erlaubnis, die Flotte von elf auf 17 Fahrzeuge aufzustocken. Clever Shuttle fällt unter die Regeln für Mietwagenverkehr. Die Abgrenzung soll die Taxibranche vor Preisdumping schützen, sie erschwert jedoch die Geschäftsmodelle von Ridesharing-Anbietern.

„Die Rückkehrpflicht ist ökonomisch und ökologisch kontraproduktiv“, klagt Ginnuth. Trotzdem hielten sich die Mitarbeiter daran. Als Konsequenz stünden die Fahrzeuge auf dem Betriebssitz, anstatt über die Stadt verteilt auf Kunden zu warten. Frankfurt, Dresden und Stuttgart die nächsten Städte, in denen Clever Shuttle bis spätestens Anfang 2018 starten will. Auf rund 150.000 Fahrten kann das Start-up bisher zurückblicken, langfristig will es alle deutsche Städte mit mehr als 200.000 Anwohnern bedienen. An dem Berliner Start-up sind die Deutsche Bahn und die Daimler-Tochter EvoBus beteiligt. Seit September ist zudem die Madsack Mediengruppe über die Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft beim Leipziger Ableger von Clever Shuttle Mehrheitsinvestor. Gemeinsam will man dort mehr in Autos, Fahrer und Werbung investieren. 

Eingeschränkte Betriebszeiten

Shared Mobility gilt als Megatrend, geteilte Fahrten im Sammeltaxi sind ein Baustein, um das Privatauto in der Stadt überflüssig zu machen. „Wir schließen damit die Lücke zwischen Bussen und Taxis“, sagt Ginnuth. Ridesharing-Anbieter reduzieren den Verkehr und den Schadstoffausstoß, vor allem wenn sie wie Clever Shuttle ausschließlich mit alternativen Antrieben unterwegs sind. Doch das Geschäft steckt in den Kinderschuhen, profitabel lassen sich die Taxen noch nicht betreiben. So sind Flotten bisher nur zu bestimmten Zeiten im Einsatz. In Hamburg etwa fahren die Mirai zunächst nur vom frühen Abend bis frühen Morgen. In Berlin und Leipzig startet der Betrieb inzwischen um 10 Uhr morgens. Auf lange Sicht will Clever Shuttle zwar einen 24-Stunden-Service anbieten. Priorität habe momentan aber eine höhere Auslastung der Nachtschichten, sagt Ginnuth.

Auch andere Anbieter wie das Berliner Start-up Allygator-Shuttle sowie das US-Unternehmen Uber, das seinen Ridesharing-Dienst „Uber Pool“ auch in Deutschland starten will, würden von einer Reform des Personenbeförderungsgesetzes profitieren. Dass diese in der neuen Legislaturperiode kommt, ist wahrscheinlich: Selbst die Taxi-Branche plädiert dafür, Taxis und Mietwagen für den Shuttle-Verkehr zu öffnen und das Verbot der Einzelplatzvermietung sowie die Rückkehrpflicht aufzuheben. „Wir akzeptieren Konkurrenz, aber bitte zu gleichen Bedingungen“, schränkt ein Sprecher des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands auf Anfrage von bizz energy allerdings ein. Modelle mit privaten Fahrern, wie sie Uber in anderen Ländern betreibt, seien inakzeptabel, weil dies Steuer- und Abgabenbetrug fördere. „Beförderungs-, Tarif- und Betriebspflicht müssen erhalten bleiben“, fordert er. 

Mehr B2B-Geschäft

Auch ohne Gesetzesreform verbessert hat sich die Situation für Clever Shuttle inzwischen durch den Umzug vom Berliner Euref-Campus zum zentraleren Potsdamer Platz: Nun sind die die Anfahrtszeiten kürzer. Außerdem ist jüngst beim Erwerb des Personenbeförderungsscheins die Ortskundepflicht für Mietwagen-Fahrer entfallen. Ginnuth hofft, dadurch einfacher Fahrer zu finden. Sie werden von Clever Shuttle fest angestellt. Momentan sind es rund 100, weitere 30 arbeiten in der Verwaltung des 2014 gegründeten Start-ups.

Die Deutsche Bahn bewirbt Clever Shuttle als Ergänzung ihres Angebots auf der „letzten Meile“ vom und zum Bahnhof. Auch für immer mehr öffentliche Nahverkehrsbetreiber sowie Busunternehmen sind solche Ridesharing-Modelle von Interesse. „Wir bekommen viele Anfragen“, sagt Ginnuth. Die einen wollten neue Kunden erreichen, andere ihre Kosten senken. Ihnen bietet das Start-up Franchise-Partnerschaften an. „Schwach ausgelastete Nachtbuslinien wie in Berlin, die im 20-Minuten-Takt in spritfressenden, lauten Doppeldeckern mit einer Beladung von zwei Leuten fahren“, seien eine typische Einsatzmöglichkeit für Clever Shuttle, sagt Ginnuth.

Neuer Wettbewerber aus den USA

Zudem will das Start-up Verkehrsunternehmen auch lediglich die Software und App anbieten, die diese in ihren eigenen Linienverkehr integrieren können. „Wir wollen mit unserer IT möglichst breit in den Markt eintreten“, erklärt Ginnuth. Über die Lizensierung der Software sei dieser schneller zu erschließen als nur über den operativen Betrieb von Flotten. Mit der Beteiligung von Daimler Buses sei darüber hinaus der Verkauf „Bundles“ denkbar, also Daimler-Busse in Kombination mit der Clever Shuttle-Software, erklärt der Gründer.

Unterdessen formiert sich mit dem US-Unternehmen Via ein weiterer Ridesharing-Anbieter auf dem europäischen Markt. Via hat dazu ein Joint Venture mit Daimler ins Leben gerufen. Die Partner wollen den Shuttle-Service noch 2017 in London starten, dann sollen weitere europäische Städte folgen. In New York, Chicago und Washington kommt das Start-up nach eigenen Angaben pro Monat bereits auf mehr als eine Million Fahrten. Allerdings setzt es Kunden nicht an der Haustür ab, sondern fährt von Kreuzung zu Kreuzung.

Deutsches Taxigewerbe plant eigenen Service

Auch das deutsche Taxigewerbe arbeitet an eigenen Sharing-Modellen. Ein erstes Pilotprojekt soll noch in diesem Jahr in Hamburg starten. „Wir haben den Vorteil, dass wir mehr Know-how einbringen als Start-ups und entsprechende Flotten haben“, sagt der Sprecher. Bisherige Versuche, Sammelverkehr zu organisieren, hätten zwar nicht wirtschaftlich betrieben werden können. Trotzdem rechne der Verband damit, dass Sammelverkehr künftig zunehme und der Durchbruch gelingen könne, wenn man eine jüngere Klientel anspreche. 

Bei dem Piloten werden wohl Taxis mit Verbrennungsmotor zum Einsatz kommen. Was alternative Antriebe angeht, so fehlt es aus Sicht des Verbands derzeit noch an bezahlbaren, rein elektrischen Fahrzeugen und einer öffentlichen Ladeinfrastruktur. „Wünschenswert wäre eine induktive Ladung, die für alle Hersteller genormt ist“, sagt der Sprecher. Dies sei aber Zukunftsmusik. Momentan fahren nur 15 Prozent aller Taxis in Deutschland mit alternativen Antrieben, die meisten mit Erdgas oder Hybrid-Motor. Selbst der Vorstoß in London sei nur eine Zwischenlösung, meint der deutsche Taxi-Lobbyist: Bei der neuen Elektro-Variante des London-Taxi vom Hersteller LEVC handelt es sich um ein Hybrid-Fahrzeug, das nur 120 Kilometer rein elektrisch fahren kann. Dann kommt ein Verbrennungsmotor zum Einsatz.

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Jutta Maier
Keywords:
Ridesharing | Personenbeförderungsgesetz | E-Mobilität | Brennstoffzellen | Clever Shuttle | Taxigewerbe
Ressorts:
Technology | Markets

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