Kommentar der Woche
28.12.2016

Energiepolitik zwischen Paris und Washington

Illustration: Valentin Kaden
Professor und Unternehmensberater Friedbert Pflüger.

Die Wahl von Donald Trump in den USA hat Auswirkungen auf den globalen Klimaschutz. Aber nicht alle Hoffnung ist verloren.

Der Weltklimagipfel in Marrakesch feierte das kurz zuvor in Kraft getretene Pariser Klimaabkommen. Trotzdem war die Unruhe in Bezug auf das US-Wahlergebniss kaum zu verbergen. Paris war Ende 2015 zum Symbol eines entscheidenden Paradigmenwechsels geworden: Der Klimaschutz etablierte sich ganz oben auf der globalen Agenda. Der Großteil der Welt, an der Spitze erstmals die Vereinigten Staaten und sogar China, zeigte sich gewillt zu handeln.

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Mit der Wahl von Donald Trump könnte das Pariser Paradigma vor einem Wendepunkt stehen. Ungeachtet seines jüngsten Versprechens, sich das Pariser Abkommen doch noch näher anzusehen, nannte der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zumindest während seines Wahlkampfs den Klimawandel einen „Schwindel der Chinesen“, versprach die Kohleindustrie zu fördern und rief zum Austritt aus der Klimavereinbarung auf. Weil das Pariser Abkommen in den USA allein durch Exekutivbeschluss von Präsident Obama ratifiziert wurde, dürfte dies nicht allzu schwer werden. Der US-Kongress ist nicht als Befürworter von Klimapolitik bekannt – ganz im Gegenteil. Egal wie das „fine-tuning“ von Trumps Klimapolitik aussehen wird, ein „Elektromotor“ für die globale Energiewende wird es ganz sicher nicht werden.

 

Klimaschutz vs Entwicklung

Vor diesem Hintergrund werden einige Fragen, die sich die Paris-Befürworter bereits vor der US-Wahl gefallen lassen mussten, noch drängender. Zwar sind möglicherweise OECD-Länder in der Lage, die Last zur Erreichung der notwendigen Emissionsreduktionen zu tragen. Was ist jedoch mit China, Indien, Indonesien und anderen Schwellenländern? Das Pariser Abkommen berücksichtigt in vollem Umfang deren Ziele in Bezug auf wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie die Armutsbekämpfung und setzt ihnen keine strikte Emissionsobergrenze.

Welches Gewicht hat also der Klimaschutz in Schwellen- oder Entwicklungsländern gegenüber dem Versuch, die Lebensbedingungen für Millionen von derzeit benachteiligten Menschen zu verbessern und deren Energieversorgung sicherzustellen? Wir können diesen offensichtlichen inneren Widerspruch in unserem so plakativ leuchtenden Paris-Paradigma nicht missachten. Und wenn der Klimawandel nun auch noch für die mächtigste Nation der Welt zu einem zweitrangigen Thema wird, sollten wir nicht überrascht sein, wenn wichtige Länder in ihrer Auffassung bestärkt werden, fossile Energie als maßgeblichen Treiber ihres Wirtschaftswachstums beizubehalten.

 

Klimawandel wird fühlbarer

Aber nicht alle Hoffnung ist verloren: Auf dem Gipfel in Marrakesch wurde das Engagement der beteiligten Nationen gegenüber den in Paris festgelegten Zielen erneut bekräftigt. Deutschland gelobte, ein mögliches von den USA hinterlassenes Vakuum mit europäischen Kräften zu füllen und verpflichtete sich zu einem Schulterschluss mit China. Und die Obama-Regierung – unterstützt von einem offenen Brief von 365 Großunternehmen und Investoren – kündigte an, noch im Dezember 2016 für die Jahrhundertmitte ein Emissionsreduktionsziel auf ein Fünftel der Werte von 2005 zu beschließen.

Ob dieses Versprechen eingehalten wird, bleibt abzuwarten. Ungeachtet dessen erhöht sich weiter der Druck auf die Größen der Öl- und Gasindustrie, ihre Geschäftsmodelle schneller anzupassen und nachhaltiger zu gestalten. Der Klimawandel wird immer fühlbarer. Laut Münchner Rück haben sich extreme Wetterereignisse in den letzten 30 Jahren verdreifacht: Sie treten häufiger und mit immer verheerenderen Auswirkungen auf. Ist daher eine Übergangszeit, die geprägt ist von der Koexistenz von Fossilen und Erneuerbaren – wie die jüngste Einrichtung eines Fonds für erneuerbare Energien durch die „fossilen“ Energieriesen BP, Eni, Repso, Saudi Aramco, Royal Dutch, Shell, Statoil und Total glauben lässt – überhaupt noch immer eine Option? Oder erwartet uns striktere Regulierung, die auf einen drastischen und sofortigen Kurswechsel abzielt?

Der EU-Emissionshandel funktioniert nicht. Dieses Scheitern erhöht zusätzlich die Wahrscheinlichkeit, dass nationale Regierungen eigenständig eingreifen, um Emissionen zu begrenzen. Bereits jetzt haben wir hohe Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen. In Norwegen, den Niederlanden, Deutschland und anderen Staaten wird sogar über ein Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2030 gesprochen. Eine ähnliche Entwicklung weg von fossilen Brennstoffen wird auch gegenüber dem deutschen Wärmesektor diskutiert.

 

Konkrete Schritte statt hochgesteckte Ziele

Kurzfristig hat – im Vergleich zu anderen Fossilen – Erdgas noch immer das größte Potenzial, Emissionen zu senken. Das hat auch der nationale Klimaschutzplan der Bundesregierung in seiner letzten Fassung anerkannt. In absehbarer Zeit wird Erdgas Kohle ersetzen, so wie es in Großbritannien während des dash for gas oder in den USA im Zuge der Schiefer-Revolution geschah – beide Ereignisse führten zu wesentlichen CO2-Einsparungen. Gas ist auch ein fossiler Brennstoff, das stimmt. Seine Verwendung führt allerdings zu wesentlich geringeren Treibhausgasemissionen als Kohle und Öl. Auf der Suche nach einer effizienten Lösung für den Transport- und Wärmesektor sowie in der Stromerzeugung kann es zu einem schnellen Erfolg im Kampf gegen Klimawandel beitragen. Ein Übergang von Kohle zu Gas – in Verbindung mit CCS/CCU und Technologien zur Minimierung von Methanschlupf – ist eine Chance gleichermaßen für Industrie und Klimaschutz. Konkrete Schritte mit messbarem Erfolg für die Zeit bis 2020 sind wichtiger als hochgesteckte Visionen für ein kohlenstofffreies 2050.

Die Zukunft bleibt ungewiss. Aber Lösungen kommen vielleicht auch unerwartet, so wie einst bei der „manure crisis“, der großen Londoner Pferdemist-Krise: Im Jahre 1894 drohte London unter einer dicken Schicht Dung begraben zu werden – bis die Einführung des Automobils jegliche Ängste wieder verschwinden ließ. Wir müssen den Geist von Paris am Leben erhalten, aber auch technikoffen sein. Nicht die erneuerbaren Energien, sondern die Dekarbonisierung ist das Ziel! Es geht um die richtigen Anreize für das Verringern der Treibhausgasemission. Die Lösung liegt eindeutig bei Markt und Technik, nicht bei Mikromanagement und Investitionslenkung.

Über den Autor: Friedbert Pflüger war in der ersten Regierung Merkel Verteidigungs-Staatssekretär. Seit 2009 ist er Professor am King‘s College London und leitet dort das European Center for Energy and Resource Security (EUCERS). Er ist u.a. CEO der Unternehmensberatung Pflüger International und leitet den Rohstoff-Arbeitskreis der Atlantik-Brücke.

Keywords:
Trump | Öl | Erneuerbare | Erneuerbare Energie | Energiewende | Klimaabkommen | Klimaschutz | Gas | CCS | CCU | Treibhausgasemissionen
Ressorts:
Governance

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