Klimaschutz
05.01.2018

Wärmemarkt: Von wem Deutschland lernen kann

Foto: Creative Commons
Die Klimaerwärmung destabilisiert den Permafrost, was die Gefahr von Bergstürzen erhöht.

Der Klimawandel trifft auch die reiche Schweiz, doch die Eidgenossen halten mit einer CO2-Steuer dagegen. Lernen könnte Deutschland auch von Dänemark und Frankreich – ebenfalls Nachbarn mit niedrigeren Emissionen im Gebäudesektor 

Für viele Gletscher in der Schweiz ist es schon zu spät. Selbst wenn die Menschheit ab sofort keine Treibhausgasemissionen mehr verursachen würde, werden die meisten Eisfelder bis zum Ende des Jahrhunderts wohl komplett schmelzen. Zudem nimmt die Stabilität des Permafrosts ab, wodurch es in den Alpen zu vermehrten Fels- und Bergstürzen kommt.

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Die Eidgenossen haben also klar vor Augen, dass an Klimaschutz und CO2-Einsparung kein Weg vorbeiführt. Deshalb haben sie sich dem Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens angeschlossen – und bereits 2013 beschlossen, dass ab 2050 nur noch erneuerbare Energien produziert werden sollen.

Erreichen will die Schweiz ihre Ziele vor allem mit dem CO2-Gesetz. Bis 2020 sollen die Emissionen aus Gebäuden, die rund ein Drittel des Gesamtausstoßes ausmachen, um mindestens 40 Prozent unter das Niveau von 1990 sinken. Langfristig wollen die Schweizer ihren Gebäudepark CO2-frei bekommen. Zentrales Instrument des Gesetzes ist – neben Gebäudeprogramm und -standards – eine CO2-Abgabe, die seit 2008 erhoben und nun als Vorbild für Deutschland gehandelt wird. Sie soll die fossilen Brennstoffe verteuern und so Anreize für einen sparsamen Verbrauch setzen – und zum Einsatz CO2-neutraler oder -armer Energieträger animieren.

Studien zeigen Wirksamkeit

Die Schweiz erhebt die Lenkungsabgabe auf fossile Brennstoffe wie Heizöl oder Erdgas, nicht aber auf Treibstoffe. Da die vom Bundesrat definierten Zwischenziele für die fossilen Brennstoffe nicht erreicht wurden, erhöhte sich die Abgabe schrittweise und beträgt ab 2018 96 Franken pro Tonne Kohlendioxid, umgerechnet rund 83 Euro. Die Abgabe ist auf den Rechnungen für Brennstoffkäufe ausgewiesen. Die Schweizer Regierung verteilt rund zwei Drittel der Abgabeerträge verbrauchsunabhängig an Bevölkerung und Wirtschaft über die Krankenversicherer zurück. Ein Drittel fließt in das Gebäudeprogramm zur Förderung energetischer Sanierungen oder erneuerbarer Energien. Die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn sie nicht Ausnahmen für die Wirtschaft zulassen würde. CO2-intensive Unternehmen können sich von der Abgabe befreien lassen, wenn sie sich im Gegenzug zu einer Emissionsverminderung verpflichten. Große CO2-intensive Unternehmen nehmen am Emissionshandelssystem teil und sind ebenfalls von der Abgabe befreit.

Das Schweizer Bundesamt für Umwelt hat die bisherige Wirkung der CO2-Steuer untersucht. Ergebnis: Die Abgabe auf Brennstoffe und die flankierenden Maßnahmen haben zu spürbaren Emissionsreduktionen geführt. Die kumulierten Einsparungen im Zeitraum 2008 bis 2015 schätzt die Behörde auf rund 6,9 Millionen Tonnen CO2. Drei Viertel davon gehen auf die Haushalte zurück, rund ein Viertel auf die Wirtschaft. Die Emissionen sinken vor allem dadurch, dass Heizöl durch Erdgas und Erneuerbare Energien ersetzt wird, offenbar angeregt durch die CO2-Abgabe. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass ein Teil dieser Einsparungen auch auf technischen Fortschritt zurückzuführen ist.

Dänen haben Masterplan

Was kann die deutsche Energiepolitik noch von anderen europäischen Ländern lernen? Häufig wird das „Modell Dänemark“ empfohlen, also eine stärker staatlich gelenkte Energiewirtschaft. Ein klares Plus: Wärme war schon immer Bestandteil des dänischen Masterplans, die langfristig orientierte Energiepolitik sorgte für den Ausbau von Fernwärme und Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Der KWK-Anteil an der dänischen Stromerzeugung erhöhte sich in den vergangenen 30 Jahren auf über 60 Prozent, Fernwärme dominiert mit einem Anteil von 63 Prozent den dänischen Wärmemarkt. Über 70 Prozent der Fernwärme stammen aus erneuerbaren Energien oder werden mit Erdgas-KWK-Anlagen erzeugt.

Auch Frankreich taugt – vor allem in politischer Hinsicht – als Vorbild. Besonders deutlich wird dies am markantesten Unterschied zwischen dem französischen und dem deutschen Wärmemarkt: Dem Energieträgermix. Erdgas ist zwar sowohl links- wie rechtsseitig des Rheins der beliebteste Brennstoff, doch Heizöl verbrennt statistisch gesehen nur jeder sechste Bewohner Frankreichs, während dies in Deutschland fast jeder Dritte tut. Dafür heizen 32 Prozent der Franzosen elektrisch, mit Strom, der zu 80 Prozent aus billig produzierenden Atommeilern stammt. In Deutschland heizen nur vier Prozent der Bevölkerung elektrisch.

Frankreich punktet politisch

Mit seiner Atomstrom-Abhängigkeit ist Frankreich sicher kein Vorbild in Bezug auf erneuerbare Energien. Der Nachbar im Westen könnte aber zum Motor für die Weiterentwicklung der CO2-Bepreisung im europäischen Rahmen werden. Auf nationaler Ebene wurde schon damit begonnen, die Steuern auf fossile Energieträger außerhalb des Emissionshandels kontinuierlich zu erhöhen, und in seiner jüngsten Grundsatzrede zur Zukunft Europas bekräftige Präsident Emmanuel Macron den Vorschlag eines europaweiten Mindestpreises für den Ausstoß von Kohlendioxid.

Im aktuellen Klimaschutz-Ranking von Germanwatch liegen Frankreich (Platz 15), Dänemark (Platz 17) und die Schweiz (Platz 12) klar vor Deutschland auf Platz 22. Dies hat nicht nur, aber auch mit dem Wärmemarkt zu tun. Vor allem aber zeigt das Ranking, dass andere europäische Länder beim Klimaschutz schneller vorankommen als Deutschland. Ablesen kann man das auch an den CO2-Emissionen pro Kopf:  Die Schweizer kommen in dieser Statistik auf den niedrigsten Wert, auch Franzosen und Dänen emittieren deutlich weniger CO2 pro Kopf als Deutsche.

Wie machen die Schweizer das? Der eidgenössische WWF fasst es zusammen:. Die Umweltschützer kritisieren zwar den schleppenden Ausbau von erneuerbaren Energien, loben aber ausdrücklich den Trend im Gebäudesektor, in dem CO2-Lenkungsabgabe und Gebäudeprogramm offenbar Wirkung zeigen. Die Treibhausgasemissionen des Gebäudesektors sind in den vergangenen 25 Jahren schon um 26 Prozent gesunken. Ein Erfolg, doch die Schweizer Gletscher schmelzen trotzdem.

Lesen Sie auch: Deutschland verheizt sich – höchste Zeit für die Wärmewende

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Carsten Kloth
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