Energiepolitik
07.06.2017

Streit um Netzentgelte eskaliert

Foto: istockphoto/markusloew

Noch vor der Sommerpause soll die Große Koalition bundeseinheitliche Netzentgelte beschließen. Doch über die damit verbundene Umverteilung von rund 2,2 Milliarden Euro ist ein heftiger Streit entbrannt.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm: In den beiden letzten Juniwochen muss sich die Große Koalition über die Einführung bundeseinheitlicher Übertragungsnetzentgelte einigen. Sonst wird das insbesondere von den ostdeutschen Ministerpräsidenten herbeigesehnte Netzentgeltmodernisierungsgesetz (Nemog) auf die nächste Legislaturperiode verschoben.

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Hinter den Kulissen sorgt ein Vorstoß von Unionsfraktionsvizechef Michael Fuchs für Streit: Fuchs will den durch die Energiewende verursachten Anteil der Netzentgelte in die Umlage beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verschieben. Beharren CDU und CSU auf der Fuchs-Lösung, will die SPD das Gesetz in Gänze platzen lassen, wie der SPD-Bundestagsabgeordnete und zuständige Berichterstatter Johann Saathoff im Gespräch mit bizz energy ankündigt. „Der Vorschlag ist eine Mogelpackung für Ostdeutschland“, sagt Saathoff.

Denn die dann erhöhte EEG-Umlage treffe alle Privathaushalte, auch die im Osten, während etwa umlagebefreite Industriebetriebe in Nordrhein-Westfalen außen vor blieben. Die SPD pocht darauf, dass die Umverteilung nur über die Netzentgelte geregelt wird und die ohnehin schon hohe EEG-Umlage nicht noch weiter steigt.

Kostspieliges Engpassmanagement

Ob die Fuchs-Lösung in der CDU/CSU-Fraktion eine Mehrheit findet, ist offen: „Es werden dazu noch Gespräche geführt“, lässt Fuchs auf Anfrage von bizz energy mitteilen. Zu den Befürwortern des Fuchs-Vorstoßes zählt der frühere sächsische Umweltminister Arnold Vaatz, der heute für die CDU im Bundestag sitzt.

Insbesondere das Einspeisen der volatilen Windenergie macht kostspieliges Engpassmanagement nötig. Dazu gehört das Redispatch für konventionelle Kraftwerke, das 2017 laut Prognose rund eine Milliarde Euro Kosten verursacht. Hinzu kommt das Einspeisemanagement Erneuerbarer Energien, dessen Kosten dieses Jahr bei knapp 1,2 Milliarden Euro liegen dürften. Dazu trägt der ostdeutsche Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz rund ein Viertel bei, den Rest muss der Betreiber Tennet schultern, der unter anderem die Netze in den besonders windreichen Bundesländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen betreut.

Beide Unternehmen plädierten in der Vergangenheit für bundeseinheitliche Netzentgelte, während die beiden anderen Betreiber Amprion und TransnetBW dagegen opponieren. Letztere haben gut reden: Ihnen entstehen so gut wie keine Kosten für Engpassmanagement, weil sie viel weniger Windstrom einspeisen.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Netzentgelte | Große Koalition | Netzentgeltmodernisierungsgesetz | Windenergie | Engpassmanagement
Ressorts:
Finance | Governance

Kommentare

Die Prognosen möchte ich stark bezweifeln. Im letzten Jahr sind die Kosten im vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken. So beliefen sich die Kosten für Redispatch lt. dem vorläufigen Jahresbericht der Bundesnetzagentur im letzten Jahr auf 219 Mio. EUR (2015: 412 Mio. EUR). Die Kosten für das Einspeisemanagement sanken 2016 ebenfalls auf 373 Mio. EUR (2015: 478 Mio. EUR). Es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, insbesondere nach der Fertigstellung der sog. "Thüringer Strombrücke" nicht, dass sich die Kosten in diesem Jahr dermaßen erhöhen könnten?! Hier sollte man doch bitte die ersten validen Zahlen der Bundesnetzagentur abwarten, bevor man unbelegte Kostenprognosen in den Raum wirft?!

Schaut man sich die Kosten für die Systemdienstleistungen (Primär- und Sekundärregelung, Minutenreserve, Verlustenergie, Blindleistung und Schwarzstartfähigkeit) der Übertragungsnetzbetreiber an, so stellt man sogar fest, das diese in Summe von 2011 bis 2015 um ca. 300 Mio. EUR gesunken sind [Monitoringbericht 2016]. Wenn es um steigende Kosten geht, sind wie selbstverständlich immer die volatilen Energieträger schuld. Das diese aufgrund ihrer Eigenschaften auch kostensenkende Einfluss auf den Netzbetrieb haben können, wird dabei gerne ausgeblendet?!

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