BIZZ-Exklusiv
29.01.2014

„Kein gutes Angebot“

PR; Titelbild: depositphotos
Anlegeranwalt Klaus Nieding

Das Aus von Prokon war schon vor Jahren absehbar, sagt Anlegeranwalt Klaus Nieding im Interview mit BIZZ energy today - und warnt Privatanleger generell, in Genussscheine zu investieren.

BIZZ energy today: War die Insolvenz des Windparkfinanzierers Prokon abzusehen? 

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Klaus Nieding: Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass dies früher oder später passieren würde. Wenn ein Unternehmen großvolumige Investments mit kurzfristig kündbarem Kapital – Genussscheinen –  finanziert, besteht eine große Gefahr, dass schnell und kurzfristig ein Liquiditätsproblem eintritt. Bedenkt man dann noch die hohe Grundverzinsung der Genussrechte von sechs Prozent, erhöht dies den Liquiditätsbedarf bei gleichzeitiger dauerhafter Bindung des Großteils der flüssigen Mittel in illiquiden Assets. 

Wann ist das Genussschein-basierte Geschäftsmodell in sich zusammengebrochen?

Meines Erachtens war bereits mit der ersten Tranche der Genussrechte über 20 Millionen Euro in den Jahren 2003 bis 2005 erkennbar, dass dieses vorwiegend auf Genussrechten basierende Geschäftsmodell aufgrund der Möglichkeit der kurzfristigen Kündigung der Genussrechte enorme Liquiditätsrisiken in sich birgt. Die Risiken aus der Kombination von möglicherweise kurzfristigem Liquiditätsbedarf und langfristigen Investitionen sind nicht kalkulierbar. Als Prokon dann in den Jahren 2005 bis 2010 weitere Genussrechte im Volumen von 350 Millionen Euro platziert hat und im Jahr 2010 eine dritte Tranche über 1,63 Milliarden Euro begeben hat mit einem Platzierungsvolumen von circa 725 Millionen Euro waren die Liquiditäts- und somit die Insolvenzrisiken in meinen Augen nicht mehr vertretbar. Ein solches Modell kann immer nur solange gutgehen, wie frisches Kapital in das Unternehmen hineingepumpt wird. Kommt der Geldzufluss ins Stocken, droht das Unternehmen zu kollabieren.

Was raten Sie den Besitzern von Prokon-Genussscheinen?

Genussrechtsinhaber müssen sich jetzt über ihre rechtliche Situation klar werden. Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens ist beantragt, aber derzeit ist noch unklar, wie werthaltig die Projekte sind, also wie viel Insolvenzmasse tatsächlich vorhanden ist. Hier sollten die Anleger auf jeden Fall ihre Interessen im Auge behalten oder vertreten lassen.

Können Sie überhaupt zu den derzeit in großer Zahl emittierten Genussscheinen raten?

Genussscheine sind eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital. Im Insolvenzfall werden sie in der Regel nachrangig, also erst nach anderen Fremdkapitalgläubigern bedient. Zudem hängt der jährliche Zinsanspruch – wie die Dividende bei der Aktie – vom Jahresgewinn des emittierenden Unternehmens ab. Oft wird bei Genussscheinen eine Verlustbeteiligung bis zur Höhe des Kapitaleinsatzes vereinbart. Das ist unter dem Strich, insbesondere für Privatanleger, kein sonderlich gutes Angebot.

Anleihen aus dem Ökostrom-Bereich bieten Kupons von bis zu neun Prozent. Soll man zugreifen?

Zinsen sind immer auch Risikoprämien. Kupons von acht oder gar neun Prozent sind Ausdruck erhöhter Insolvenzgefahr; sie werden von den Emittenten ja nicht angeboten, weil sie so freundliche Menschen sind. Bei einigen Anleihen sind selbst vermeintlich hohe Zinsen noch zu niedrig. 

Warum?

Die Bonität von Mittelstandsanleihen liegt bisher fast ausnahmslos unterhalb der Schwelle „Investment Grade“, dem Mindeststandard für die meisten institutionellen Investoren. Viele der emittierten Papiere besitzen lediglich die Ratingnote BB, was bei einer fünfjährigen Laufzeit einer Ausfallwahrscheinlichkeit von knapp neun Prozent entspricht. Zudem handelt es sich oft um ein Emittenten-Rating, das lediglich die Kreditwürdigkeit des Unternehmens, nicht aber die Bonität der Anleihe darstellt. Ein reines Anleihe-Rating würde oft noch deutlich schlechter ausfallen.

Viele Emittenten richten sich gezielt an Privatanleger, welche die Energiewende auch persönlich unterstützen wollen ...

Das widerspricht den hehren moralischen Ansprüchen, mit denen sich einige der Unternehmen ja ganz bewusst schmücken – um Privatanlegern ihre Spargroschen aus der Tasche zu ziehen. Davon bleibt, das zeigen die bisherigen Insolvenzen, meist nur wenig übrig. Bei vielen Mittelstandsanleihen werden Anleger mit großen Versprechungen geködert, ohne dass tatsächlich ein funktionierendes Geschäftsmodell dahinter steht. Immerhin: Einen kompletten Zusammenbruch wie seinerzeit am Neuen Markt erwarte ich im Bereich der Mittelstandsanleihen nicht.

 

Klaus Nieding ist seit 2011 Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Der Fachanwalt für Banken- und Kapitalmarktrecht ist Vorstand der Kanzlei Nieding und Barth in Frankfurt.

 
Thomas Bauer
Keywords:
Prokon | Banken und Finanzinvestoren | Anleihen | Klaus Nieding | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Finance

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